Vom Leben und Sterben

by Manuel Otto Bendrin

...„Das ist nicht mein Job! Das ist so gar nicht mein Job! Das ist sogar das genaue Gegenteil von meinem Job!“ rief der Sensenmann aus, als die Wehen der Frau einsetzten.
...„Das hättest du dir vorher überlegen sollen.“, stellte der Engel hinter ihm kühl fest.
...Der Knochenmann, der sich an seiner Sense festhielt wie an einem Rettungsanker, drehte den blanken Schädel in aufkeimender Panik zwischen der stöhnenden Frau und dem Engel, den sie genauso wenig sehen konnte wie den Todesbringer, hin und her. Seine Kapuze war ihm bereits herunter gerutscht und besäße er ein echtes Herz, so wäre dieses wohl inzwischen in der tiefsten Hölle angelangt.
...„Damit habe ich nichts zu tun!“ widersprach er etwas zu energisch.
...Nun zog der ohnehin enervierte Engel die Augenbrauen eng zusammen und stemmte Fäuste und Flügelgelenke in seine Hüfte, baute seine göttliche Aura zu einer erdrückenden Macht auf.
...„Dieses Chaos hast du angerichtet, weil du dachtest, du könntest vorarbeiten um den Abend frei zu machen!“ brüllte der Engel inzwischen vor Wut schäumend. „Vorarbeiten! Wie zum Teufel kommst du auf eine so hirnrissige Idee?“
...Der Tod sackte ein wenig in sich zusammen und knetete in einer Mischung aus Trotz und Schuldbewusstsein die knochigen Finger, um kleinlaut zu antworten:
...„Ich wollte doch auch auf Gabriels Geburtstag vorbei schauen, nur für eine Stunde oder so ... Ich dachte, das fällt nicht weiter auf, wenn ich ein paar Leute eine halbe Stunde früher und ein paar eine halbe Stunde später abhole ...“
...„Fällt nicht auf!“ lachte der Engel sarkastisch auf. „So sieht es aus, wenn du denkst: Die Hebamme sollte eigentlich noch dieses Kind auf die Welt holen, bevor das Aneurysma platzt. Himmel! Weißt du eigentlich, wie viel Planung das kostet, all die vielen Menschen unter einen Hut zu bringen? Und nur, weil du dachtest es würde nicht auffallen, haben wir jetzt ein riesiges Chaos!“
...Ein schmerzhaftes Stöhnen der Frau, die sich krampfhaft in ihr Laken krallte, ließ die beiden kurz zu ihr hinschauen. Unwillkürlich wich der Sensenmann einen Schritt zurück, hob abwehrend die Hände und schüttelte überfordert den Kopf.
...„Das schafft sie sicherlich auch alleine, nicht wahr? Das haben Frauen schon seit Jahrtausenden alleine geschafft, warum sollte das in solch modernen Zeiten nicht möglich sein?“
...„Weil das so nicht geplant ist!“
...„Ach, zum Teufel mit euren Plänen!“ schrie nun der Tod mit dem Mut der Verzweiflung. „Seid doch mal ein bisschen flexibel. Sie schafft das sicher auch alleine!“
...„Nein, sie verblutet, wenn keine Hebamme oder kein Arzt sich um sie kümmert. Also: bieg das wieder hin!“
...Der Sensenmann schüttelte von Panik gelähmt immer wieder den Kopf, während er versuchte, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Dass die Frau immer häufiger gequält stöhnte, hechelte oder gar schrie, machte es ihm nicht leichter. Wie hielten Hebammen und Ärzte das nur aus?
...Plötzlich zündete in seinem Geist der Funke einer rettenden Idee und er hob den linken Zeigefinger, bevor er verschwand.
...Ungehalten verharrte der Engel, tippte mit dem linken Fuß und starrte auf die Uhr, während er auf den Gevatter wartete. Natürlich gab es einen Notfallplan, falls dieses Chaos nicht mehr beseitigt werden konnte, aber wenn er allein an die ganze Arbeit dachte, die das nach sich ziehen würde, zukünftige Ereignisse umzuschreiben!
...Der Engel stöhnte zeitgleich mit der Frau auf und schlug sich gegen die Stirn. Dieser alte Knochenmann war manchmal wirklich eine Zumutung! Vor allem seit die Menschen die moderne Medizin begründet hatten und die Wiederbelebung eingeführt hatten, hatte er immer öfter so Unfug wie freie Nachmittage oder 'kurz mal einen Abstecher in die Sonne machen' im Kopf. Und wer hatte am Ende die Arbeit, um für die geplante Ordnung zu sorgen?
...Minuten verstrichen, in denen der Engel immer unruhiger wurde. Die Frau hatte eine Sturzgeburt und damit blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, die Situation zu retten. Plötzlich wurde die Tür eingetreten und ein Mann mit Arzttasche – und einer oberflächlichen Platzwunde an der Stirn – kam herein gestürmt, kniete sich neben die Frau und sprach beruhigend auf sie ein.
...Hinter ihm kam der Gevatter durch die Tür geschlendert, die Sense selbstzufrieden hinter seinem Rücken. Er stellte sich neben den Engel und nickte bekräftigend:
...„Situation gerettet.“
...Der Engel schüttelte mechanisch den Kopf, er konnte es noch immer nicht so recht glauben.
...„Was in Gottes Namen?“
...„Oh, ich habe mich daran erinnert, dass der gute Doktor sowieso in einer halben Stunde fällig wäre, sich um einen Baum zu wickeln.“
...Spontan bekam der Engel Kopfschmerzen.
...„Na ja, ich habe mich daran erinnert, dass sein Weg ihn auch hier vorbei führt und einfach seinen Unfall vorgezogen – keine Sorge, es ist niemand anderes zu Schaden gekommen, wäre auch später nicht! Den Rest haben die Schreie der Frau erledigt. Oh, er ist soweit in Ordnung, aber er wird noch heute Abend an den Folgen des Unfalls sterben. Ärzte sind doch die schlechtesten Patienten von allen, deswegen wird er sich bestimmt nicht behandeln lassen. Problem gelöst.“
...„Herr im Himmel ...“
...„Ach hab dich nicht so, die Menschen haben die Spielregeln schon längst geändert, findet euch damit ab. Man muss heutzutage eben flexibel sein.“
...Der Engel bettete seine Stirn in seine Hände und überlegte, ob man den Sensenmann eigentlich umbringen konnte. Vielleicht sollte er einfach eine Rotte Hunde auf ihn hetzen?
...Der plötzliche Schrei eines gesunden Babies ließ sowohl den Engel als auch den Tod zu den Menschen blicken. Während dem Engel das Herz über dieses Wunder aufging, entließ der Tod ein leises Stöhnen aus seinem hohlen Brustkorb, schwankte kurz und kippte dann ohnmächtig um.
...Entgeistert starrte der Engel auf ihn herab, ehe der Zynismus siegte: „Ich wusste, dass wieder alles an mir hängen bleibt. Ich wusste es!“