Ugly

by Manuel Otto Bendrin

...„Und?“, fragte ich die Tierärztin gespannt.
...Sie hob ohne zu antworten eine Augenbraue. Obwohl ich sie eindeutig nervte, schien sie Verständnis für meine Ungeduld zu haben, die ich selbst noch nicht einmal richtig verstand.
...Während sie das Kätzchen auf meinem Küchentisch vorsichtig untersuchte, tigerte ich nervös auf und ab, kaute mir abwechselnd auf den Fingernägeln herum oder strich mir zum x-ten Mal durch die Haare. Vor einer Stunde noch hätte ich jeden, der mir das prophezeit hätte, ausgelacht und zum Teufel geschickt.
...Aber jetzt blieb ich neben der Ärztin stehen und warf einen Blick auf den kleinen Bastard dort: Das weiße Fell war dreckig und blutig, das Tierchen bis auf die Haut vom Regen durchnässt. Es hatte die Augen geschlossen und atmete nur flach, blutete aus mehreren Wunden und ich konnte mir gut ausmalen, dass da noch mehr war.
...Gestern noch hatte ich den wenige Monate alten Streuner nur am Rande wahrgenommen, wenn er mal wieder auf der Suche nach Essbarem oder einem Schlafplatz die Innenhöfe durchsuchte. Die Kinder warfen immer Steine nach ihm – und auch ich hatte ihn immer wieder, teils mit Tritten, verjagt. Nie hatte ich mir Gedanken um ihn gemacht. Wahrscheinlich hatte ich das einfach nur nicht gewollt.
...Aber nun hatte ich mich doch um ihn gekümmert.
...Die Tierärztin kramte in ihrem Koffer und ich nutzte die Gunst, um dem Kater über das Köpfchen zu streicheln. Sofort öffnete er sein unversehrtes Auge und sah zu mir auf, gab ein klägliches Miauen von sich und drückte die Wange in meine Hand. Kaum spürbar begann er, zu schnurren. Wieder ging mir das Herz vor Rührung und auch von Trauer über.
...Da war dieses kleine Geschöpf, das immerzu von Menschen verjagt und misshandelt worden war – und es legte solch ein Gottvertrauen in einen seiner Peiniger. Es suchte meine Nähe mit so einer Verzweiflung, dass sogar ich sie spüren konnte! Wieder spürte ich einen Kloß in meinem Hals und ich wischte mir rasch die Tränen aus den Augen. Diese pure Dankbarkeit dafür, dass ich nur ein einziges Mal nicht weg geschaut hatte. Wo nahm er das nur her? Wie war er nach alledem noch dazu in der Lage?
...Schließlich sah mich die Tierärztin mit diesem traurigen Blick an und mein Herz sackte in die Hose. Ich hatte den Kleinen erst seit 15 Minuten und dennoch wollte ich nicht, dass es so ausging.
...„Wir werden ihn wohl einschläfern müssen“, sagte sie.
...Ich schluckte schwer. Wieder schossen mir die Tränen in die Augen und ich verstärkte unwillkürlich meinen Griff im verfilzten Fell. Das durfte nicht sein. Mitleid und Selbstvorwürfe marterten mich.
...„Gibt es denn keinen anderen Weg?“
...„Schon, aber“, sie seufzte leise. „Ich will ehrlich sein: Es wäre teuer und niemand würde dafür bezahlen. Es sind nicht nur die Platzwunden, das Auge muss entfernt werden und das hintere Bein ist gebrochen. Da sind noch ein paar frühere Verletzungen und wahrscheinlich auch Infektionen, die nachbehandelt werden müssten. Das wird teuer und danach wird er nicht mehr allein zurecht kommen. Es tut mir leid, aber...“
...Einschläfern. Ich spürte das leise Schnurren und sah in das blaue Auge des kleinen Kerls, der mir so blind vertraute. Nie zuvor war man mir so unvoreingenommen und nachsichtig begegnet. Und jetzt sollte es aus sein? Wegen des Geldes?
...Das war falsch und unfair. Bei dem Gedanken daran wurde mir eiskalt und heiß zugleich. Und als ich die Tierärztin wieder ansah, wusste ich, dass ich meine früheren Fehler wiedergutmachen musste:
...„Ich zahle das. Und ich werde ihn nehmen, das bin ich ihm schuldig.“
...Weil ich ihn ein halbes Jahr ignoriert hatte. Und er mich in so kurzer Zeit echtes Vertrauen gelehrt hatte.