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Kreativität zwischen Ordnung und Chaos


Einer der wichtigsten Sätze, die mir aus der Chaostheorie hängen geblieben sind, lautet: „Das Leben kann nur an der Grenze zwischen Chaos und Ordnung existieren.“ Zu viel Chaos und die Lebensbedingungen sind zu instabil, um Leben zu erhalten; zu viel Ordnung und das Leben versinkt in Stagnation und wird früher oder später an seiner Umgebung zugrunde gehen.
Meine Erfahrungen mit dem Schreiben lassen mich oft an diese Regel denken.
Kreativität ist ein chaotischer Prozess. Aber ohne Ordnung, die diesem Chaos eine Richtung gibt, kann sie sich selbst vernichten.

Wie wahrscheinlich der Großteil aller Autoren habe auch ich als klassischer „Chaosschreiber“ angefangen. Wir erinnern uns; ich war der Frosch, der sich mit dem Finken misst: „Dat kann ick och!“, dachte er sich und sprang. Der Bauchklatscher blieb nicht aus.
Dereinst verschlang ich Bücher über Bücher und irgendwann fühlte ich mich spontan bereit, einen eigenen Roman zu verfassen. Der Protagonist und Antagonist standen schnell fest und im Kopf bildete sich ein Anfangsszenario. „Braucht es mehr?“, dachte sich der pubertierende Kopf und legte los.
Was soll ich sagen? Ich zog es durch, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, wie die Geschichte sich entwickeln sollte. Am Ende hatte ich einen netten Kurzroman, der von meinen (pubertären) Freunden in höchsten Tönen gelobt wurde. Man sollte nicht viel auf Freunde und Familie geben, wenn es um eine ehrliche Kritik geht, seien wir mal ehrlich. Aber das ist ein anderes Thema.
Bei neuerlicher Durchsicht mit halbwegs geschultem Lektorenauge tendiere ich dazu, meinen Kopf so lange gegen eine Betonwand zu schlagen, bis entweder sie nachgibt oder ich dumm genug bin, diese Geschichte für gut zu befinden. Es fallen die üblichen Katastrophen auf:
** flache Charaktere
** Logiklücken, zwischen die die Saturnringe passen würden
** jede Menge offene Fragen
** Infodumbs
** Mary Sue's bzw. Gary Stue's
** inkonsistente Charaktere
Gut, zugegeben die Dramaturgiekurve hatte ich schon damals drauf … Wenngleich sie natürlich wesentlich besser sein könnte.
Auch meine nächsten in Angriff genommenen Werke erblickten auf die gleiche Weise das Licht der Welt: eine fixe Idee reichte aus. Schreiben macht schließlich so viel mehr Spaß als planen.
Ich will hier mal die Ergebnisse dieses Vorgehens zusammenfassen:
** Zwei Werke sind fertig, bleiben aber meine dunkelsten Geheimnisse, die niemals das Tageslicht erblicken werden
** Acht Romane sind angefangen und spätestens nach einem Viertel abgebrochen, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste
** Mehrere Romane habe ich angefangen, mich verrannt, noch einmal umgeschrieben, wieder verrannt, noch einmal komplett umgeschrieben und irgendwann frustriert abgebrochen
** Schreibblockaden waren meine ständigen Begleiter und früher oder später der Tod einer jeden Geschichte – egal wie gut sie zu Anfang klang.
Irgendwann ist einfach die Puste raus.
Charaktere neigen dazu, wenn man ihnen halbwegs Tiefe gibt, sich im Laufe der Geschichte zu entwickeln und sich anders zu verhalten, als der Autor es gerne hätte. Spätestens hier häufen sich die Sackgassen.
Zusammengefasst: das Chaosschreiben hat mir zwar viel Zeit des Planens gespart, aber unter dem Strich hat es mich noch viel mehr Zeit gekostet, weil Ideen unvollendet blieben oder Geschichten einfach so oft umgeschrieben werden mussten, dass ich quasi vier Romane geschrieben habe, um einen zu vollenden. So viel dazu …

Das Planen habe ich erst lernen müssen. Bis vor kurzem war meine Standardreaktion auf diesen Vorschlag ein wie aus der Kanone geschossenes „Das kann ich nicht!“ Schreiben ist schließlich Kreativität und da die Charaktere sich ja eh nicht so verhalten, wie ich es will, ist es doch hirnrissig, lange zu planen, damit diese widerborstigen Deppen es mir am Ende wieder kaputt machen. (Ja, ich schimpfe zuweilen mit meinen Protagonisten.)
Eine Geschichte oder gar einen Roman zu planen rief in mir immer ein abschreckendes Bild hervor:
Erst ein Brainstorming mit Mindmaps, dann noch mehr Mindmaps und irgendwann hat man eine ganze Wand voller Zettel und Kommentaren, die mit roten Fäden verbunden sind. Alles ist von vorne bis hinten durchgeplant, der Roman steht quasi in Stichworten und Fäden an der Wand. Es stapeln sich Dutzende Seiten mit Charakterisierungen und Personalfragebögen, mit Hintergrundgeschichten, Umgebungsbeschreibungen – auf dem Tisch stehen fertig gezeichnete Karten und am besten noch 3D-Pappmodelle von Land und allen benötigten Städten. Natürlich alles akkurat benannt und Maßstabsgetreu abgemessen.
Schauderhaft.
Kein Wunder, dass ich solch eine Aversion dagegen hatte.
Vielleicht mag mein geistiges Auge da ein wenig übertrieben haben. Aber wenn man die ganzen guten Ratschläge von Autoren liest, was man sich alles vorher überlegen und aufschreiben soll, wird einem schon ein wenig Bang. Vor allem, wenn man nicht unbedingt ein planerischer Mensch ist.
Für mich ergab sich noch ein weiteres Problem mit dem Planen:
Ich hasse Mindmaps. Ich hasse sie wie die Pest.
Grundsätzlich schwanke ich stark zwischen Chaos und Ordnung; ich bin so etwas wie ein ordentlicher Chaot (nicht zu verwechseln mit geordnetem Chaos, das ist was anderes). Entweder ich bin das absolute Chaos oder aber ich agiere in mir selbst gesetzten Grenzen. Der Witz an der Sache ist jedoch: ich muss die Ordnung erst ordnen, damit ich sie nutzen kann, um das Chaos zu ordnen. Ja, Spleens können lustig sein, aber nicht immer.
Warum hasse ich also Mindmaps? Sie sollen Ordnung schaffen, sind jedoch dabei absolut chaotisch; unübersichtlich, ungeordnet. Wie soll so etwas beim Ordnen helfen? Um mich zu strukturieren brauche ich etwas, das selbst in sich strukturiert ist und ordentlich aussieht. Ich kann mich Wochen daran aufhalten, eine Planung so aufzuschreiben, dass sie mir optisch wohlgefällig und ordentlich strukturiert ist.
Ich bin ein absoluter Fan von Tabellen. Am liebsten packe ich alles in Tabellen. Tabellen entwerfen ist mein Kaffee und meine Zigarette; mein Yoga und mein Achtsamkeitstraining. Tabellen sind 42.
Tja, wie aber packt man eine Geschichtenplanung in eine Tabelle?
Richtig, gar nicht.
Meine Arbeit an Kurzgeschichten brachte mich schließlich dazu, mich doch am Planen zu versuchen. Tabellen fielen weg, Mindmapping kam nicht in Frage, also griff ich auf einen alten Trick aus Schulzeiten zurück und plante meine Kurzgeschichte wie ein Referat: In Stichworten auf Papier. Warum Papier? Computer heißt für mich Tabelle. Natürlich könnte man auch am PC planen – wahrscheinlich sogar noch besser, weil man hier nach und nach eine Baumstruktur bauen kann und nicht von vornherein ins Detail gehen muss, sondern wirklich erst die Haupthandlung und dann immer feiner unterteilen kann.
Wer's mag, soll's machen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mich hierbei unglaublich schnell in Details verrennen kann. Diese Art des Strukturieriens birgt wieder ein großes Risiko, dem Chaos anheim zu fallen.

Grundsätzlich plane ich also chronologisch in Stichworten.
Hierbei gibt es Unterschiede zwischen Kurzgeschichten und Novellen oder Romanen.
Manche Kurzgeschichten sind bei mir tatsächlich immer noch reines Chaosschreiben – solche schreibe ich aber in der Regel binnen achtundvierzig Stunden nieder. Sie sind kurz und man kann nicht viel falsch machen.
Die meisten Sachen plane ich aber inzwischen vor. Kurzgeschichten in der Regel verhältnismäßig detailliert, da man hier viel mehr Informationen in viel weniger Platz quetschen muss als in Novellen und Romane. Der Leser will keinen Infodump, also muss man sich genau überlegen, was die Handlung ist und welche Informationen rund um Charaktere und Umgebung vonnöten sind. Was die logischen, chronologischen und psychologischen Zusammenhänge sind. Die Logik und Dramaturgie einer Kurzgeschichte kann an einem einzigen Satz fallen – daher nehmen meine Planungen viel Zeit und Platz in Anspruch.
Bei Novellen und Romanen hingegen bin ich einem gewissen „chaotischen Planen“ aufgesessen. Wenn ich mit einem Roman beginne, stehen die Charaktere und der rote Faden; Ende und Handlung sind noch völlig offen. Da, wie oben erwähnt, meine Charaktere eh machen, was sie wollen (letztlich sind wir doch nur die Summe unserer Reaktionen auf die Umwelt), bringt es nicht viel, alles durchzuplanen. Irgendwo vergisst man doch wieder was oder schätzt einen Charakter falsch ein. Außerdem darf man den Einfluss von einmalig auftauchenden Nebencharakteren, die man vorher nicht auf dem Radar hat, nicht unterschätzen.
Eine Geschichte ist dynamisch. Ich ziehe den Hut vor jedem Autoren, der es schafft, einen Roman von vorne bis hinten durch zu planen und das bis zum bitteren Ende durchzieht. Ich kann das nicht.
In der Regel plane ich ein bis maximal vier Kapitel im Voraus, also acht bis fünfzig Seiten in etwa. Je unübersichtlicher die Situation ist, umso kurzfristiger plane ich. Normalerweise versuche ich aber, zumindest immer zwei Kapitel zu schaffen.
Die Handlung, die Charakterentwicklung und damit das Ende entstehen im ersten Drittel bis zur ersten Hälfte des Romans. Natürlich muss ich dann, wie beim reinen Chaosschreiben, das ein oder andere im Nachhinein noch einmal ändern und anpassen, aber diese Änderungen fallen wesentlich kleiner aus und sind meist mit ein paar Absätzen getan. Nichts im Vergleich zu den hunderten von Seiten, die ich vorher umändern musste.

Mein jetzt fertig gestellter Roman ist mein erster auf diese Weise geplanter.
Die Vorzüge liegen für mich auf der Hand:
1. Die Idee dazu ist noch aus der Schulzeit. Zu dieser Chaoszeit habe ich den Roman drei Mal umgeschrieben und nie zu einem Ende gebracht.
2. Seit ich auf die Planung umgestiegen bin, hatte ich keine Schreibblockade mehr
3. Die Überarbeitung fiel in der finalen Version wesentlich kürzer aus
4. Die Charaktere ergeben mehr Sinn
5. Das Schreiben fällt insgesamt leichter. Wenn man im Schreibfluss ist, muss man nicht mehr innehalten und überlegen, was jetzt die logischste Folge wäre.
Dieses chaotische Planen, das meinen Charakteren Freiraum zur Selbstfindung lässt, hat mir jedenfalls das Schreiben vereinfacht und die Qualität deutlich erhöht – sowohl des eigenen Wohlbefindens, als auch der Texte an sich. Mich auf dieses Experiment einzulassen war definitiv ein Zugewinn, den ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Natürlich muss letztlich jeder seinen eigenen Weg finden.
Es gibt Menschen, die kommen mit dem Chaosschreiben wunderbar zurecht und machen sich lieber die Mühe, erst im Lektoratsdurchgang alle Probleme zu lösen – selbst wenn das heißt, notfalls einen Großteil des Werks umzuschreiben.
Andere planen bis ins kleinste Detail und arbeiten sich akribisch an dieser Planung ab.
Jedem Tierchen sein Pläsierchen, oder wie heißt es so schön?
Aus eigener Erfahrung kann ich nur empfehlen, sich auch mal auf das Experiment der „anderen Seite“ einzulassen. Es kann sich als Zugewinn herausstellen, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Kreativität ist wie das Leben; sie findet an der Grenze zwischen Chaos und Ordnung statt. Und wie es die Chaostheorie lehrt: kleine Veränderungen des Systems können gewaltige Folgen haben.